Ein Erlebnisbericht von Günter Lorenz, LSG Hersbruck e.V.
Die Saison für Segelflieger ist in unseren Breitengraden oft sehr kurz, oft nur von Mai bis September. Daher starten einige Luftsportler zeitig in die neue Saison, indem sie im Frühjahr in südlichere Gefilde entschwinden.
So startete ich mit einigen Fliegerfreunden Mitte März 2002 zu einem Fliegerurlaub auf die Südseite des Alpenhauptkammes, nach Sondrio-Caiolo im Addatal, östlich des Comer Sees in Norditalien.
Die geographische Lage dort ist sehr gut geeignet für segelfliegerische Aktivitäten. Zum einen kann die im Frühjahr häufig auftretende Nordwest- bis Nordwetterlage im Nordföhn genutzt werden zu Wellenflügen in großen Höhen, zum anderen bietet die schon stärkere Sonne auf der Alpensüdseite hervorragende Thermik für kürzere und längere Streckenflüge. Zu dem kommt der Genuss der traumhaften Landschaften des Veltlin, Tessin, Engadin, Wallis im Westen, Adamello und Dolomiten im Osten.
In der ersten Woche stellte sich wie bestellt eine Nordföhnwetterlage ein und so konnte fast jeden Tag Welle geflogen werden bis auf mehrere tausend Meter Höhe.
Die Sicht die sich in dem trockenen Föhnsturm (bis zu 140 km/h) bot, war überwältigend. Im Süden sah man die höchsten Gipfel der liqurischen Apenninen über den Dunst der Po-Ebene, im Osten die hohen Tauern und Dolomiten, im Westen den mächtigen Klotz des Monte-Rosa-Massives, die Spitze des Matterhorns und nach Norden konnte man aus großer Höhe auf die geschlossene Wolkendecke der Staubewölkung sehen die auf dem gesamten nördlichen Alpenraum lag. Für einen Segelflieder ein sehr ungewöhnlicher und erhebender Anblick.
Natürlich sind Segelflieger die sich in diesen unwirtlichen Höhen bewegen entsprechend ausgerüstet mit Sauerstoffgerät und Fußsohlenheizung. Die Temperaturen bewegen sich dort zwischen -20 und -40 Grad. Die unberechenbaren Turbulenzen beim Einstieg in die Föhnwellen, die großen Druck- und Höhenunterschiede, große Differenzen bei den Windgeschwindigkeiten, mögliche rasche Wetterwechsel, Orientierung in unbekannten Gelände, all diese Situationen verlangen einem Segelflieger viel ab, geben aber bei entsprechender Vorsicht und Erfahrung allerhöchste Glücksgefühle.
Schön wenn man das Glück hat und nach der Landung kurz vor Sonnenuntergang mit einer Tasse heißen Tee empfangen wird.
Der Wettergott war uns bei dem diesjährigen Frühjahrsfliegen wirklich gut gesonnen, denn er bescherte uns in der darauf folgenden Osterwoche gutes Streckenwetter. Dabei waren die Nächte noch frostig und morgens war des öfteren Eiskratzen angesagt, tagsüber lagen die Temperaturen bei bis 25 °.
Wir konnten herrliche Exkursionen mit unseren Segelflugzeugen machen, z.B. nach Osten über den Tonale-Paß zu den Dolomiten, oder nach Westen ins Tessin über den Nordrand des Comer Sees, Luganer Sees, des Lago Maggiore nach Dommodossola und weiter südlich vorbei am Monte Rosa bis nach Aosta.
Am Ostersonntag zum Abschluß des zweiwöchigen Fliegerlagers gelang mir ein Flug, der mir lange in Erinnerung bleiben wird.
Der Start erfolgte zur Mittagszeit gegen 12.00 Uhr. Die Idee und das erste Ziel für diesen Tag war ein Flug zum Gardasee und dem östlich gelegenen Monte Baldo.
Der Beginn war schwierig, da eine kräftige Talinversion die Thermik erst oberhalb von 1500 ermöglichte. Darüber aber ging es dann richtig los mit Steigwerten von 3 bis 4 m/s, die Wolkenuntergrenze (bis dahin steigt die Thermik) lag bei 3100 m NN. Der Kurs ging in südöstliche Richtung über den Aprice-Paß, Edolo, südlich am Adamello-Gletscher vorbei, über sehr unwegsames Gelände. Keine Straßen und Ortschaften nur einsame Täler, verlassene verschneite Almen, zugefrorene hochgelegene Stauseen, gespeist vom Adamello. Doch bald kam das besiedelte Tal des Idro Sees und kurz danach etwas höher gelegen der Ledro See über dem die letzte gut ausgebildete Cumulus-Wolke auf Kurs entgegenstrahlte.
Der Gardasee und das Gebiet östlich davon lagen unter blauen, wolkenlosen Himmel unter dem kein Steigen zu erwarten war. Trotzdem querte ich in 3000 m Höhe den Gardasee und flog auf der Ostseite am Kamm des Monte Baldo nach Süden, jedoch ohne jegliches Steigen immer im Gleitwinkelbereich abwärts. In Grathöhe des Monte Baldo in etwa 2000 m Höhe kehrte ich wieder westwärts über den See zurück zur Ledrosee-Wolke die mich mit ihrem rettenden 3 m Bart erwartete und wieder auf 3000 m Höhe zurück brachte.
Eine Wellenstraße die sich nach Norden ausgebildet hat zeigte mir dann den weiteren Weg. So flog ich östlich von Madonna di Campiglio über die bizarren Felsgebilde der Brenta-Gruppe. Viele Skifahrer tummelten sich auf den Pisten und bewegten sich wie Ameisen. Um die Skihütten wird der Schnee immer dunkler durch viele schwarze Punkte – es sind Sonnenanbeter die im Frühlingsschnee die Ostersonntag genießen.
Der Kurs nach Norden geht weiter über das Val di Sole, Ultental über den Vintschgau westlich Meran. Auf der Nordseite am Eingang des Schnalstals empfangen mich 5 m Steigen und ermutigen mich zum weiterfliegen über die südlichen Ötztaler Alpen. Das Timmelsjoch bleibt links liegen und um 15.30 Uhr am Brennerpaß genau über der Grenzstation nach Österreich entschließe ich mich zum Rückflug Richtung Sondrio.
Ein Paragleiter zeigt mir über dem Tribulaun einen Bart der auf 3300 m trägt. Ich wackle zum Dank mit den Flügeln und richte die Rumpfnase Richtung Jaufenpass an dessen Südrampe ich vor ein paar Tagen in niedriger Höhe schwer zu kämpfen hatte, wie leicht ist es doch aus dieser Höhe über den Pass zu gleiten.
Der Flug geht weiter, Meran “links“ liegen lassend an den Südostausläufern des Ortlers, der Zufall-Spitze vorbei den Gavia-Paß passierend über Tirano.
Um 17.00 Uhr bin ich wieder nördlich des Ausgangspunktes Sondrio-Caiolo. Doch der Tag ist noch lang, auf Grund der Zeitumstellung an diesem Osterwochenende, das vorausgesagte Thermikende liegt bei 19.30 Uhr und nachdem ich gerade den besten Bart des Tages mit 6 m/s ausgekurbelt hatte entschloss ich mich zum Weiterflug nach Nordwesten mit dem Ziel St. Gotthardt-Paß in der Schweiz.
Über Ciavenna im Bergell, Biasca in Valle Levantina erreiche ich gegen 18.00 Uhr Airolo am Südausgang des Gotthardt-Tunnels. Da ich nur noch 2400 m Höhe hatte und die Thermik langsam nachließ, entschloß ich mich nicht mehr bis zur Passhöhe zu fliegen und wendete zum Rückflug über die letzten 100 km Luftlinie.
Die beste Thermik und die letzten Wolken zogen sich immer weiter an die höchsten Berge zurück und so führte der Weg etwas nördlicher über das Rheinwaldhorn und den Bernardino Paß. Dort hatte ich die Endanflughöhe nach Sondio erreicht.
In den Tälern wurde es schon ganz schön schattig, die Luft um mein Flugzeug träge und so konnte ich nach der letzten Funkmeldung “Delta Mike Bravo in Finale tue sette“ um 19.20 Uhr wieder festen Boden unter meinen Flieger spüren. Er hatte seinen Piloten über eine Flugstrecke von ca. 600 Alpenkilometer getragen.
Ein schöner Flugtag und ein schöner Urlaub waren zu Ende.
Günter Lorenz, April 2002